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Das "tierische" Internetforum – Segen oder Fluch?

So, wie ich jetzt hier sitze und meine Tastatur mit diesem Artikel quäle, habe ich grad 7 Jahre Forenarbeit hinter mir, meist in aquaristischen Foren, aber auch in einigen anderen. Dabei hatte ich die Gelegenheit, Foren mit aufzubauen, durfte einige den Bach runter gehen sehen und habe eine Menge meiner Lebenszeit in einigen vergeudet. In einigen anderen war es aber auch ganz schön und eine Reihe von Freundschaften resultieren aus diesen Foren. Lange Zeit war ich Moderator und bin heute noch Administrator in einem kleineren Aquaristik-Forum, allerdings zur Zeit auf Urlaub.

Eigentlich war es meine Absicht, mit der ganzen Forerei Schluss zu machen und nur noch in dem Forum aufzutauchen, in dem ich Admin. bin. Aber die Sucht holt mich immer wieder ein und so habe ich es auch in anderen Tierforen versucht, musste aber zu dem Schluss kommen, dass Foren wohl generell an denselben Krankheiten leiden.

Ich will mal versuchen, dies ein bisschen mit Beispielen zu untermauern und Ihnen einige Beobachtungen mit auf den Weg geben, bevor Sie sich in den Schmelzofen eines solchen Forums wagen.

Grundsätzlich muss man erst mal feststellen, dass sich die Forenlandschaft seit meinem ersten Kontakt 2002 erheblich gewandelt hat. Gab es damals nur wenige Foren und kaum Spezialforen, findet man heute eine ganze Reihe von allumfassenden Foren und zu jeder Spielart ein spezialisiertes Forum. Ich selbst kann gar nicht mehr sagen, in wie vielen Foren ich mich bisher angemeldet habe, und in wie vielen ich mehr oder weniger regelmäßig durch An- oder Abwesenheit glänzte.

Es gibt in der fast unübersehbar gewordenen Forenlandschaft Foren mit mehreren tausend Mitgliedern und einer bunten Mischung aller möglicher Themen, und es gibt Foren mit etwas eingeschränktem Publikum, die mehr Wert auf Information als auf Gemeinschaftssinn legen. In dieser Unterscheidung soll aber primär keine Wertung liegen, denn jede Art von Forum hat seine Berechtigung und es gibt für jede Art eine passende Besuchergruppe.

Neben den genannten Foren gibt es auch noch eine große Anzahl von kleinen Foren, die sich mit wenigen Mitgliedern auf vielen privaten Internetseiten verstecken und mit Werbe-Pop-Ups nerven, wenn man sie öffnet.

Der geneigte Internet-Besucher, den eine wichtige Frage in Sachen Haustier quält, steht nun vor dieser großen Zahl von Foren und hat keinen Plan, wo er fragen soll und wie er die Qualität der Antworten bewerten soll. Wüsste er dies, bräuchte er wohl kein Forum mehr.

Nun ist er endlich zu dem Punkt gekommen, wo er sich für ein oder einige ausgewählte Foren entschieden hat, ist gekonnt durch die Registrierung geschlittert, ist entweder automatisch als User aktiviert oder muss auf die Freischaltung durch den Administrator warten oder vielleicht einen Link in einer Freischaltungsmail anklicken, hat das umfangreiche Regelwerk ohne es zu lesen bestätigt, hat einen fast unlesbaren grafischen Zahlen- und Buchstabencode nach dem 5. Versuch erfolgreich eingegeben und kann nun tatsächlich seine Frage stellen. Halt, es gibt Foren, da muss man sich erst vorstellen, sonst bekommt man keinen Zugang zum Rest des Forum - das hätte ich fast noch vergessen. Aber dann kann er endlich seine Frage stellen und bums – schon ist er in der Falle. Nachdem das Eingeben und Absenden des Beitrags doch tatsächlich erfolgreich bewerkstelligt wurde, bekommt er erst mal die Frage an den Kopp geknallt, warum er denn nicht die Suchfunktion benutzt hätte, die Frage sei doch schon 2.456.839 Mal beantwortet worden. Aua – hätte er mal seine Kristallkugel befragt. Andererseits ist es natürlich auch für altgediente User nicht sehr anregend, 50 Mal im Monat die gleiche Frage zu beantworten – ich kann das verstehen. Aber das ist noch nicht alles. Es kann auch noch sein, dass der Neuling das falsche Unterforum erwischt hat, was dann auch wieder Prügel kostet. Und je größer so ein Forum ist, umso geringer ist die Trefferquote, muss man sich doch häufig bis zum Unter-Unter-Unter-Unter-Forum durchklicken.

Ganz schlimm wird es dann, wenn er abgrundtief forenverachtend seine Frage ohne "Hallo" und "Tschüss" gestellt hat oder gewagt hat, seinen realen Namen nicht zu verraten. O.K., es macht einen besseren und höflicheren Eindruck, aber ein Exekutionsgrund ist es doch nicht, oder?

Hier trennt sich nun schon definitiv die Spreu vom Weizen. Jeder Forennutzer kann hier bereits auswählen, wo es ihm am besten gefällt und wo nicht. Gefühlsmäßig, versteht sich. Die Frage nach der fachlichen Qualität kann er ja noch nicht einschätzen. Und die Qualität eines Forums ist nicht daran zu messen, dass man vom Team besonders oft vollgeschleimt wird, um ja den einen User nicht zu verlieren, der Prestige- oder Werbepunkte bringen könnte, auch wenn bei ihm 7 Rottweiler in einer 20-Quadratmeter-Wohnung leben. Mit klaren Ansagen, auch wenn sie hin und wieder schmerzlich sein sollten, ist dem Einsteiger oder Fortgeschrittenen oft mehr geholfen.

Nun ist das mit der fachlichen Beurteilung natürlich auch nicht so einfach und dauert selbst bei einem alten Hasen einige Zeit. Und wie es in unserer dualen/polaren Welt, wo jede Medaille zwei Seiten hat, nun mal so ist, bekommt man nie ein gutes oder ein schlechtes Forum, sondern immer beides im Doppelpack. Das beurteilt sich immer nur aus dem Blickwinkel und den Bedürfnissen des Einzelnen. Der eine mag ein fachlich orientiertes Forum lieber, der andere liebt die "tierische" Plauderei. In einem kann man seinen Gefühlen freien Lauf lassen, in einem anderen steht bereits in den Regeln, dass man nicht "Hundi" oder "Mietzchen" sagen darf.

In einem darf man so viele Beiträge hintereinander schreiben, wie man möchte, in einem anderen ist die Funktion, auf eigene Beiträge zu antworten, gesperrt, um Beitragssammelei zu verhindern. In einem sind Avatare und hüpfende Bildchen erlaubt, im anderen nicht. Im einen darf man seine Meinung haben, im anderen muss man sich dem Mainstream beugen. Im einen besteht das Team aus Fachleuten, im anderen eben nicht so sehr (vorsichtig ausgedrückt). Im einen ist das Team ständig anwesend, weil das Forum für sie das wahre Leben ersetzt hat, im anderen sieht es nur mal nach dem Rechten, weil das wahre Leben für die Teammitglieder noch viele andere interessante Dinge bereit hält und man seinen Usern vertraut, dass sie in Abwesenheit des Teams nicht gleich das Forum durch den Reißwolf jagen.

Fürchterlich gefährlich kann in Foren Kritik sein. Gut, reine Meckerei um des Meckerns willen, macht keinen Spaß, aber manchmal droht einem die sofortige Sperrung oder gar Löschung, selbst wenn man die Wahrheit spricht/schreibt. Ich habe schon Forenbetreiber erlebt, die zu wahren Inquisitoren aufgestiegen sind. Oder sie tapsen mit unterentwickelter Sozialkompetenz durch’s Forum, haben Angst, bei Streitereien auch mal hart aber diplomatisch einzugreifen oder aber sie überwachen das Forum gierartig auf alles, was nicht in deren Kram passt.

So habe ich Foren erlebt, das war das Schlimmste, das einem (oder besser dem Forum) passieren konnte, das OT. OT ist englisch (wie überraschend) und steht für off-topic, was so viel heißt wie "am Thema vorbei". Auch hier gibt es wieder zwei Richtungen, die goldene Mitte lasse ich mal aus, weil sie der wohl erträglichste Zustand ist.

Zustand 1 kennzeichnet sich dadurch, dass der Admin., resp. das Moderatorenteam, gar nicht drauf achten. Haben Sie z. B. eine Frage zur Ernährung ihrer trächtigen Hündin gestellt, befinden Sie sich spätestens beim 5 Beitrag schon bei den Blumen im Vorgarten der Userin "Schnurzelputz". Wenn sie sich dann nach arbeitsbedingter Abwesenheit von ca. 9 Stunden wieder in Ihren Thread begeben, werden Sie spätestens nach Seite 5, wenn Sie dann auch schon einige Backrezepte von Userin "Hutzelbeins" Oma kennen, nicht mehr wissen, was sie eigentlich gefragt haben. Ein leiser Hauch von Kritik an die abgewichenen User führt dann aber zu Ihrer sofortigen Vernichtung.

Andersrum ist OT in einigen Foren das absolute Sakrileg. Selbst der winzigste Ansatz eines zum Thema passenden Scherzleins wird sie, begleitet vom Admin. oder Co-Admin. sofort auf den Scheiterhaufen bringen. Das heißt, im schlimmsten Fall wird der Thread geschlossen und sie dürfen noch einmal von vorn anfangen. Na ja, der Fisch fängt immer am Kopf an zu stinken, das ist im Leben so und auch in Foren.

Es gibt aber auch User, die es sich scheinbar zum Lebensinhalt gemacht haben, Forenbetreiber und Teams zu quälen, z. B. mit ständiger Nöhlerei oder nächtlichen Anrufen. Und so was kann selbst dem engagiertesten und verständnisvollsten Team den letzten Spaß am Forum zunichte machen. So manch ein Administrator hat sein Forum völlig genervt aus dem Netz genommen, weil er die ständige Nörgelei, die kleinen Privatkriege um Nichtigkeiten und Befindlichkeiten, kurzum den ganzen Zickenterror nicht mehr ertragen konnte.

Eine wirklich interessante User-Gruppe ist die, die eigentlich nur in eine Forum kommen, um sich bedauern zu lassen. Stellen Sie sich folgende Situation vor:

Eine Hundehalterin entdeckt bei ihrem Liebling ein gesundheitliches Problem, stürzt an den PC, schreibt einen Thread mit der Überschrift "Hilfeeeeee - mein Hundi kotzt" (in der Aquaristik waren es immer die "Hilfeeeeeee - Algeeeeen!!!!!!!"-Themen) und formuliert nun völlig aufgeregt und deswegen natürlich voller Tippfehler ihr Problem. Sekunden nach dem Absenden des Beitrags erfolgt die erste Antwort:

"Och du Arme, lass dich mal drücken, meiner macht das auch immer, ist nicht so schlimm".

Na toll, sehr geholfen!

Aber es kommt noch schlimmer. Während seines 14-Stunden-Arbeitstags hat sich mal einer eine kurze pause gegönnt, der das Thema ernst nimmt und obendrein noch was von der Materie versteht, und stellt Fragen, um das Problem näher einzugrenzen und sagt vielleicht noch grundsätzlich ein paar allgemeine zu diesem Problem. Niedergeschmettert muss er dann die Antwort der fragenden Userin zur Kenntnis nehmen: "Sag mal spinnst du? Willst du damit sagen, ich tue nicht genug für meinen Hund? Und was erlaubst du dir eigentlich, hier den Fachmann zu spielen?"

Und nun kommt das Schlimmste: die Userin findet Antwort 1 am besten, weil fundierte Antworten oft zu einer kritischen Selbstbetrachtung führen sollten, die Ausführung der Hinweise mit Aufwand und evtl. einem Umdenken verbunden ist und die Userin eigentlich gar nichts hören wollte als ein paar bedauernde Worte. Dass sich Wauzi in der Zwischenzeit die Seele aus dem Leib kotzt, ist gar nicht mehr wichtig, Hauptsache, meine blutende Seele, in der der böse andere User auch noch rumgestochert hat, wurde ordentlich gestreichelt.

Was glauben Sie wohl, wie lange es dauert, bis sich unter diesen Umständen User, die das Antworten ernst nehmen, aus diesem Forum verabschieden und aus dem ganzen Laden nur noch ein Jammer-Haufen geworden ist?

Wenn man in verschiedenen Foren angemeldet ist, tappt man auch leicht in die Regelfalle, denn jedes Forum hat seine eigenen Regeln und man verliert schnell den Überblick. Sicherlich sind einige Standardregeln absolut erforderlich, wie z. B. das Verbot von pornografischen, rassistischen oder ähnlichen Inhalten, aber ein gut geführtes Forum kommt normalerweise mit einer einzigen Zusatzregel aus: "Verhalte dich im Forum so, wie du es von einem Gast in deinem Haus erwartest!"

Wenn ich mir das Verhalten einiger Foren-User so ansehe oder in Erinnerung rufe, dann frage ich mich oft, wie es möglich ist, dass diese nicht in jedem öffentlichen Gebäude in Deutschland Hausverbot haben.

Hin und wieder kommt es vor, dass Aussagen zensiert werden. Das ist immer dann der Fall, wenn man gegen die Standardregeln verstößt oder schlechten Leumund betreibt. So was ist kein schöner Zug und bringt allzu oft den Betreiber des Forums in Schwierigkeiten. Allerdings sollte sich auch mal der eine oder andere Hersteller oder Händler von "tierischem" Futter oder Zubehör fragen, warum denn manchmal bestimmte Produkte oder Dienstleistungen kritisch bewertet werden und die eigene Qualtität und die eigene Dienstleistung kritisch hinterfragen als sich schmollend in eine Ecke zurück zu ziehen oder ihren Rechtsanwalt mittels Abmahn-Dauerfeuer reich zu machen.

Manchmal kommt es aber auch vor, dass dem Team einfach etwas nicht passt und es eine Aussage löscht. Dann wird laut nach dem Grundgesetz gerufen und die dort verankerte Meinungsfreiheit gefordert. Aber Vorsicht, so einfach ist das nicht, denn ein Forum ist immer eine private Einrichtung und das Grundgesetz bindet die öffentliche Hand. Mit dem Grundgesetz kommt man hier nicht allzu weit.

Vorsicht ist in Foren aber auch dahin gehend geboten, dass es einem schnell passieren kann, dass man von jemandem "beraten" wird, der selbst erst vor 6 Wochen gelernt hat, das Wort "Haustier" zu schreiben. Grundsätzlich ist ja dagegen nichts einzuwenden, denn wer versteht einen Anfänger besser als ein Anfänger? Aber derjenige sollte sich dann auch als solcher zu erkennen geben und nicht aus Profilsucht den Experten mimen. Dies ist übrigens einer der wichtigsten Gründe, warum Foren oft einen schlechteren Ruf haben, als ihnen tatsächlich gebührt.

Sehr interessant wird es immer, wenn der Begriff "artgerecht" ins Spiel kommt. Ich glaube, kein Wort wird in den Foren mehr strapaziert als dieses. Witzig finde ich immer nur, dass nur eine recht kleine Zahl von Foren-Usern wirklich weiß, unter welchen Bedingungen die "Arten" in ihren Biotopen leben. Bei einigen Haustiergruppen ist das auch besonders schwierig, z. B. bei Hunden, die ja bewusst für die Haltung in menschlicher Obhut gezüchtet wurden und rein äußerlich, aber auch verhaltenspsychologisch nicht mehr auf den ersten Blick als Wolf zu erkennen sind. Bei anderen Haustieren, z. B. bei Vögeln oder Reptilien ist das schon einfacher.

Wenn Sie sich das Wochenende gänzlich versauen wollen, dann versuchen Sie mal, dem Halter eines West-Highland-Terriers (bekannt aus dem TV unter dem Namen Cesar) zu erklären, dass er auf seinem Sessel einen fast kompletten Wolf liegen hat. Sie werden schon sehen, was Sie davon haben.

So, nun wo ich Ihnen eine Menge über Foren erzählt habe, ist die Frage damit beantwortet?

Wohl nicht. Ich will es aber mal so versuchen:

Ja, sie sind ein Fluch, nämlich für den, der glaubt, ein Forum besäße den Stein der Weisen und oft auch für die Teammitglieder, die sich nachts um 2:00 Uhr anrufen und anschreien lassen müssen.

Ja, sie sind ein Segen für denjenigen, der in der Lage ist, das für sich Wichtige und Richtige herauszufiltern und für die Tierhaltung allgemein insoweit, dass viele Tierfreunde sich weltweit kennen lernen, Erfahrungen austauschen und dass Informationen zum Wohl der Tiere in Sekundenschnelle in jeden Winkel der Welt getragen werden können.

Für mich persönlich sind sie beides – polar eben. Ich habe so manche Nacht kein Auge zu gemacht, wenn mal wieder im Forum Stress war, ich habe aber auch viele Freunde in ganz Deutschland, in Österreich, der Schweiz und Luxemburg kennen gelernt und neuerdings auch Kontakte nach Italien und in die USA geknüpft. Viele dieser Menschen sind heute aus meinem Leben nicht mehr weg zu denken, auf einige hätte ich aber auch gern verzichtet.

Was die Internetforen nun für Sie bedeuten, können nur Sie selbst entscheiden. Bitte haben Sie aber ein waches Auge wenn Sie ein Forum das erste Mal betreten. Denkanstöße haben sie nun genügend in der Hand.

Auf Wiedersehen in irgendeinem Forum (oder in unserem www.tier-forum.de)!

Henry Wollentin

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